Märkische Allgemeine Zeitung vom 6.12.2016

Neue Haare spenden Krebspatientinnen Trost

Leukemie, Brustkrebs, ein schwerer Unfall: Die Heilung kann ich nicht beeinflussen, wohl aber, wie sich Menschen in der schweren Phase fühlen. Die Maskenbildnerin Annette Kuhn stellt medizinische Perücken her. Die meisten ihrer Kunden sind Krebspatienten, die durch die Chemotherapie alle Haare verloren - und Haare, sagt Annette Kuhn, sind wichtig fürs Selbstbewusstsein.

Potsdam. Kaum zwanzig Jahre ist es her, da schlug die Krankheit in Annette Kuhns Leben ein wie ein Blitz. Völlig überraschend, an einem ganz normalen Tag, fiel ihr Ehemann zu Hause einfach um. Hirnblutung. Koma. Amnesie. Das veränderte alles. Bis dahin war Annette Kuh als erfolgreiche Maskenbildnerin für Film-, TV- und Theaterproduktionen deutschlandweit unterwegs gewesen, oft tagelang nicht daheim. Das wollte sie nun nicht mehr. Sie wollte bei ihrem Mann sein, seine Genesung begleiten - sie wollte einfach ihren Liebsten zurück.
Doch wie dieses Ziel mit ihrem beruf verbinden, der nach ihrer Kreativität, nach ihrem Handwerk vor Ort verlangt? Mit einem Metier, das sie aus Leidenschaft gewählt hatte? Seit jenem magischen Augenblick in ihrer Kindheit, als sie einer Maskenbildnerin beim Verwandeln zusehen konnte, hatte es für Annette Kuhnnur einen Zukunftswunsch gegeben: Das wollte sie auch lernen. Während die anderen Kinder zum Schwimmen und später als Jugendliche in die Disko gingen, besuchte sie Zeichenklassen, ließ sich das Modellieren beibringen und verbrachte jede freie Minute im Malsaal. Die renommierte Hochschule für Bildende Künste in Dresden nahm sie auf, weil sie zitternd vor Aufregung so sehr für ihren Berufswunsch brannte, dass selbst die Herzen der strengen Prüfer schmolzen. Zehn Jahre jünger als viele ihrem Kommilitonen wurde Annette Kuhn zur jüngsten Maskenbildnerin der DDR. Sie leibte, was sie tat. Bis das Schicksal sie zum Umdenken zwang. Annette Kuhn fand eine neue Berufung. Vor ihrem Studium hatte sie bereits eine Friseur-Ausbildung absolviert. Noch zuvor, im Alter von zwölf Jahren, bereits ihre erste Perücke geknüpft. Als Arzttochter war sie seit frühester Kindheit zudem mit deren medizinischen Varianten in Berührung gekommen. Also kombinierte sie ihre Kenntnisse, erwarb sich pharmazeutische Zusatzqualifikationen und stellt seither medizinischen Haarersatz her.

Es sind die unterschiedlichsten Menschen, die zu ihr kommen. Unfallopfer mit Schädeldeformationen, Transgender, die sich einer Geschlechtsanpassung unterzogen haben. Die meisten aber sind Krebspatienten, die durch eine Chemotherapie alle Körperhaare verloren haben. Mit großer Anteilnahme widmet sich Annette Kuhn ihren Patienten. „Bei mir gibt es weit mehr als eine Perücke“, sagt sie selbst. „Haare sind wichtig für das Selbstbewusstsein. Aber damit ist es nicht getan.“ Vor einem ersten Treffen lässt sie sich Fotos schicken, lotet aus, „was ich machen kann“. Danach folgen lange Gespräche in ihrem kleinen Büro beim Potsdamer Klinikum oder in ihrem Heimatelier in Ludwigsfelde. Sie begleitet ihre Patienten und deren Angehörige während der gesamten Behandlung, steht im ständigen Kontakt, oft genug auch noch, wenn eine Therapie misslingt, Partner oder Familie allein zurückbleiben. Den Krankheitsverlauf kann sie nicht beeinflussen, wohl aber, wie sich die Menschen in dieser schweren Phase fühlen – egal, wie es schließlich ausgeht. Freche Frisuren, neue Augenbrauen, Mützen und Tücher, die man auch so tragen würde: Kuh geht auf die individuellen Stile und Geschmäcker ein. Jedes Teil wird in Handarbeit aus einem Rohling herausgearbeitet. Ständig testet sie neue Materialien. Auf Beständigkeit, Aussehen und Verträglichkeit, zumeist an sich selbst. Sie zeigt auf eine Rötung an ihrem Arm: „Diesen Kleber kann ich doch nicht auf den Kopf schmieren.“ Sie ist angekommen in ihrem neuen Leben. Ihrem Mann geht es wieder besser. Eine Künstlerin ist sie noch immer. Eine, die sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit investiert. „Ich könnte hier einen 08/15-Job machen“, sagt Kuhn. „Aber das will ich nicht. Das bin ich nicht. Ich bin jeden Tag glücklich, wenn mein Leben einen Sinn ergibt.“

Von Marcel Kirf

 

Südwestrundfunk 2- Sendung "Matinee" vom 06.09.2015

Warum nicht auch mal Radio?

Am 06.September 2015 war im SWR in der Sendung "Matinee " ging es auch um das Thema Haare. In Vorbereitung dazu hatte sich der Sender mit einigen Fragen an mich gewandt. Hier nun der Link für alle Interessierten:  www.swr.de

Titel:
Eine kurze Geschichte der Perücke

Adresse:
http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/matinee/turmfrisur-und-therapie-eine-kurze-geschichte-der-peruecke/-/id

SUPER illu vom 12.02.15

Die Haarwerkerin

Unter diesem Titel erschien am 12.2.15 ein Beitrag in der Zeitschrift Super illu. "Statt Filmstars hilft sie jetzt Patientinnen" so lautete eine Schlagzeile.

Kelli und der Krebs

Märkische Allgemeine Zeitung vom 2.02.15
Von Marion Kaufmann
 
 
In Potsdam und Ludwigsfelde hat Annette Kuhn ihre Zweithaarpraxen eingerichtet. Der Teddy tröstet Kinder, die ihre Eltern begleiten oder selbst eine Perücke brauchen.
 
Früher schminkte Annette Kuhn als jüngste Maskenbildnerin der DDR die Stars der DEFA.
Heute verhilft die Brandenburgerin Kranken mit Perücken und Schminktipps zu mehr Lebensqualität.
 

Sie heißen Kelli, Zoey, Jamie oder Hanna. Für die Frauen, die zu Annette Kuhn kommen, werden sie fast so etwas wie Freudinnen. Tägliche Begleiterinnen, die Kuhn für sie anpasst, ihrem Typ entsprechend. Die Perücken mit Model-Namen, die die märkische Zweithaarspezialistin  in Form bringt, sind nicht einfach nur modische Accessoires, Teil einer Maskerade. Für ihre Patienten – 95 Prozent davon sind Frauen – sind sie ein Stück Lebensqualität, Gefährtinnen im Kampf gegen Krankheiten mit unschönen Namen: Alopecia areata, kreisrunder Haarausfall, oder Krebs. Vor allem Krebskranke, die durch eine Chemotherapie ihre Haare verlieren, suchen Hilfe bei Annette Kuhn. Viele von ihnen sind junge Frauen, auch Kinder sind darunter. Die Haarwerkstatt der 50-Jährigen befindet sich in Ludwigsfelde (Teltow-Fläming), unweit des Krankenhauses. In Potsdam hat sie direkt gegenüber dem Klinikums „Ernst von Bergmann“ ein Studio eingerichtet, in dem sie immer dann anzutreffen ist, wenn eine Patientin sich mit ihr verabredet hat. Die Terminabsprache sei wichtig, damit sie sich um jede ganz individuell und ungestört von Dritten kümmern kann, erklärt Kuhn. Auch in Nauen (Havelland) berät sie Krebskranke, direkt im Klinikum. „Ich habe Patienten, keine Kunden“, erklärt Kuhn. Die Patienten kommen auf Rezept, die Krankenkasse übernimmt teils oder ganz die Kosten für die Perücken, die ab 250 Euro zu haben sind. Sie betreibe eine medizinische Spezialpraxis, keinen Friseursalon – auch wenn sie eine Ausbildung zur Friseurin absolviert hat. Sie war Voraussetzung für das Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Nur zehn Studenten pro Jahr wurden angenommen. Annette Kuhn gehörte dazu. 1986, mit nur 22 Jahren, hielt sie ihren Abschluss als Diplom-Designerin in den Händen. Die jüngste Maskenbildnerin der DDR war sie damit und machte Karriere bei der Deutschen Film AG (Defa) in Potsdam-Babelsberg. 1989, im Wendejahr, bekam sie Zwillinge. 1990, mit dem Ende der Defa, verlor sie ihren Job. Annette Kuhn machte zunächst weiter beim Fernsehen. Sat 1, RTL, „Ein Bayer auf Rügen“ zum Beispiel. „Aber das Fernsehen war nicht mehr das, was es einmal war“, sagt sie. Der künstlerische Anspruch habe ihr gefehlt. Eine Erkrankung in der Familie brachte sie schließlich dazu, ihrem Werdegang eine Wende zu geben. „Ich habe meine Berufung gefunden“, sagt die quirlige 50-Jährige und schaut sich in ihrem Potsdamer Studio um, das sie in freundlichen, warmen Farben gestrichen hat. „Jeden Tag nutzen, nichts aufschieben“, lautet ihre Devise. Das habe sie durch den Umgang mit kranken Menschen gelernt, sagt sie und erzählt von der Reise zu den Galapagos-Inseln. Kuhns Lebensfreude wirkt echt. So, wie das Haar, das sie vor einem breiten Spiegel zeigt. Kuhn nimmt eine kastanienbraune Perücke vom Plastikkopf einer Puppe. Das glänzende Haar gleitet sanft durch die Finger, weich und leicht. „Cyberhair“, erklärt Kuhn. Von japanischen Wissenschaftlern entwickeltes Kunsthaar aus Polyamid. Sie sei Deutschlands erfahrenste Expertin für Cyberhair, habe ihr der Hersteller bescheinigt. Patienten aus dem ganzen Bundesgebiet, ja sogar aus Spanien und der Schweiz kommen zu Annette Kuhn nach Brandenburg, um sich wieder schön zu fühlen, Schwimmen, Joggen oder Radfahren zu können. Um zu leben. Kuhn zeigt den Haarersatz. „Der macht alles mit, das hält“, verspricht die Expertin. Durch Körperwärme wird die Perücke an die Kopfhaut gesaugt. Wenn nötig, wird mit Spezialkleber fixiert. Auch Echthaar hat sie im Angebot. Je nach Wunsch der Patienten, denen sie auch zeigt, wie man sich vorteilhaft schminkt. Der Wunsch, Menschen mit Schminke zu verwandeln, erwachte bei ihr schon mit zwölf. Sie bekam eine kleine Filmrolle – und war fasziniert von den geschickten Händen der Maskenbildner. Ursula Karusseit, Brigitte Grothum, Götz George, Otto Sander oder Schlagersänger Jürgen „Schallala, Schallali“ Walter – ihnen allen hat sie mithilfe von Pinsel und Puderquaste „geholfen, in ihre Rolle zu finden“. Schon damals habe sie dafür gesorgt, dass die Menschen sich wohlfühlen, denen sie nahekommt bis auf die Poren. „Es gibt viele Parallelen zur Arbeit von damals“, sagt die zierliche Frau mit der großen Brille. Einmal war ihre Schminkkunst sogar gefragt gewesen, um einen Sextäter aufzuspüren: In den 80er Jahren erschüttert eine brutale Vergewaltigungsserie den damaligen Bezirk Potsdam. Die Anti-Terror-Einheit der Volkspolizei, das Kommando 9, taucht eines Tages bei Annette Kuhn in der Defa-Maske auf. Sie sollte zwei männliche Beamte so herrichten, dass sie wie Mädchen aussehen. Unter dem Decknamen „Operation Maske“ fahren die geschminkten Lockvögel tagelang mit dem Rad einsame Straßen ab, an denen bewaffnete Polizisten in Büschen und Gräben Stellung bezogen haben. Die Maske für das besondere Manöver ist perfekt. Aber erst später, durch gewöhnliche Ermittlungen, kann der Täter überführt werden. Die Kunst, aus Männern optisch Frauen zu machen, beherrscht Annette Kuhn noch heute. Auch Transsexuellen verpasst sie eine Mähne. Sie lebe „ganz gewöhnlich, verheiratet, Reihenhaus“, sagt sie, aber: „Ich bin durch und durch Humanistin“. Nichts Menschliches sei ihr fremd. Noch immer finden manche Promis den Weg zu ihr. „Auch Stars bekommen Krebs“, sagt Kuhn, die der Schweigepflicht unterliegt. „Nur darf man ihnen das nicht anmerken“, erklärt sie und wettert auf die Gesellschaft, die es vor allem Frauen vorschreibe, immer fit und schön zu sein. „Und dazu gehören für die Gesellschaft Haare“, sagt Kuhn. Von der Putzfrau bis zur Intellektuellen – alle treffe diese Erfahrung, wenn sie erkranken. „Man sollte sich mal eine Glatze schneiden lassen, um die Empfindungen – gerade als Frau – zu erfahren“, sagt eine von Kuhns Patientinnen, die anonym bleiben möchte. „Die Blicke der Öffentlichkeit, das Zurückschrecken vor der Krankheit, die Mischung aus Sensationslust und gespieltem Mitleid“, beschreibt die 60-Jährige, die an Brustkrebs litt, das Gefühl. Sie habe nach einer Versorgung im intimen Rahmen gesucht – und sie bei Annette Kuhn gefunden. „Ich habe viele haarlose Freundinnen“, sagt Kuhn. Viele Frauen begleitet sie über Monate. Manche bis zu ihrem Tod. „Ich gehe aber auf keine Beerdigung mehr“, sagt Kuhn. Das sei zu belastend. Sie zeigt einen geflochtenen Frauenzopf, dicht, braun, mittellang. Das Haar gehörte einer 31-Jährigen. Die Mutter hatte Brustkrebs, auch die Tante. Dann erkrankte die junge Frau selbst. Am schlimmsten sei meist der zweite Termin im Studio. Jener, bei dem Annette Kuhn zur Schere greift und abschneidet, was sonst bald büschelweise ausfallen würde. „Traurige Zöpfe“ nennt sie diese Strähnen, holt eine Teddybär-Handpuppe und stülpt sie sich über die rechte Hand. Bei traurigen Terminen kommt Teddy zum Einsatz. Er erklärt den Kindern, warum Mama jetzt der Zopf abgeschnitten wird. „Deiner Mama geht es bald wieder besser“, sagt Annette Kuhn dann und überkreuzt dabei nicht selten die Finger hinter dem Rücken. Sie kennt die Diagnose von der Überweisung des Arztes. „Ich weiß, wann ich lüge“, sagt sie. Aber dank Kelli, Zoey, Hanna und all der anderen Modelle kann sie dem Krebs für einige Zeit den Schrecken nehmen. „Danke für die schöne Mama“, hat ein sechsjähriger Junge in Druckbuchstaben auf einen Zettel geschrieben und Annette Kuhn geschenkt. Das ungeschminkte Leben - es gibt ihr mehr als der Filmglamour.

Alle Jahre wieder...

...so fand auch 2013 eine Modenschau, organisiert von der Firma Anita im Krankenhaus Ludwigsfelde statt. Als Kooperationspartner verschiedener Brustzentren war ich auch wieder mit geladen, denn mit Wendorff Sani Care, dem Sanitätshaus der Wendorff Apotheken aus Ludwigsfelde verbindet mich seit vielen Jahren eine besonders gute Zusammenarbeit im Sinne unsere Patientinnen. Natürlich wurde in der Stadtzeitung darüber berichtet.

Eine tolle TV- Überraschung im RBB Vorabendprogramm

Am 10.September 2013 überraschten mich Patientin Julia (21) und ihre Mama Birgit mit einem Beitrag im RBB Fernsehen, der auch an diesem Tag gedreht wurde. Sie hatten einen Brief an den Sender geschrieben und sich dort für die schönen Perücken und meine Betreuung bedankt. Darüber war ich sehr gerührt, es hat mich ganz doll gefreut. Vielen lieben Dank und alles, alles Gute, viel Kraft...

http://www.rbb-online.de/zibb/archiv/20130910_1830/Unterstuetzung-fuer-krebskranke.html

Strahlende Augen und gewonnenes Selbstbewusstsein

Am 25.Oktober 2012 hatte die Selbsthilfegruppe des Brustzentrums im Krankenhaus zu einer Modenschau der besonderen Art geladen. Betroffene Models führten bei Kaffee und Kuchen, sehr schicke Dessous und Bademode für Brustoperierte Frauen vor. Als Kooperationspartner bin ich ebenfalls dazu eingeladen worden. Die Stadtzeitung "Ludwigsfelder Bote" schrieb einen ganzseitigen Artikel, der am 18.11.12 erschien ist.

"...und das medizinische Zweithaarstudio "Meine Perücke" von Annette Kuhn. die gelernte Maskenbildnerin ist ebenfalls Kooperationspartnerin des Brandenburgischen Brustzentrums sowie des Klikums "Ernst von Bergmann" (und aller Krankenkassen) kümmert sich bereits während des Klinikaufenthalts rührend um die Patientinnen und Patienten. Von ihrem großen Sortiment - von Perücken über Augenbrauen und Wimpern bis hin zu Haarpflegeprodukten und Spezialkämmen - hatte sie nur einen Teil zu Ansicht dabei, konnte jedoch verschiedene Teilnehmerinnen beraten. Zum ersten Mal dabei konnte auch sie die gute Stimmung an diesem Nachmittag bestätigen."...

Ein Beruf wurde Berufung

Annette Kuhn betreut in ihren medizinischen Perücken- und Maskenbilderstudios Patientinnen mit Haarverlust  

Gudrun Ott, Foto: Gudrun Ott, privat, Märkische Allgemeine Zeitung vom 8.7.2011

Annette Kuhn ist seit 25 Jahren Maskenbildnerin

Erst behandelte Annette Kuhn als Maskenbildnerin Prominente. Jetzt hat sie zwei eigene Studios und kümmert sich um Patienten.
Ludwigsfelde / "Das Leben ist kostbar, dieses Wissen zieht sich durch meine Biographie", sagt Annette Kuhn. Dass die Diplom-Designerin und Maskenbildnerin heute in Potsdam und Ludwigsfelde Zweithaarstudios führt, sich in die Situation ihrer Patientinnen gut hineinversetzen kann, kommt auch aus eigenem Erleben. Eigene Krankheit, ein chronisch krankes Kind, der Tod des anderen Kindes und eine folgenschwere Gehirnblutung des Ehemannes verlangten der jungen Frau viel Kraft ab. Grundlage ihres beruflichen Erfolges aber ist ihre hohe Qualifikation. Mit 22 Jahren, am 10.Juli 1986, erhielt Annette Kuhn das Diplom als Maskenbildnerin. Ein Traum hatte sich erfüllt, der sie begleitete, seit sie zwölf Jahre alt war. Damals bekam sie eine Filmrolle, und was sie beim Schminken unter den geschickten Händen von Maskenbildnern entstehen sah, faszinierte sie derart, dass sie dem Wunsch ihrer Eltern, beide in der Medizin tätig, nicht entsprechen konnte. "Ein Medizinstudium kam für mich nicht mehr in Frage", so die zierliche, tempramentvolle Frau. Sie bewarb sich für ein Praktikum bei der Defa in Babelsberg, war die erste Praktikantin in der Abteilung Maskenbild überhaupt, und sie hatte das Glück, zu den zehn Studenten zu gehören, die jährlich an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden angenommen wurden. Eine Lehrausbildung zur Friseurin, zwingende Voraussetzung fürs Studium, hatte sie zuvor beendet. Eigentlich sei der Tag, an dem das Diplomübereicht wurde, nicht wirklich ein Freudentag gewesen, erzählt Annette Kuhn mit einem Lächeln auf den Lippen. "Ich habe ja gern studiert und mit großer Leidenschaft Wissen angeeignet. Nun war mein geliebtes Studium zu Ende, jetzt begann der Ernst des Lebens." Dabei war das Arbeiten in den Babelsberger Filmstudios durchaus etwas, was sich viele Menschen wünschten. Prominenten Schauspielern für ihre Rolle das "richtige Gesicht" zu geben, das sei eine herrliche Zeit gewesen, aber jetzt sei sie beruflich und menschlich angekommen, sagt die 47-Jährige und: "Ich hatte in meinem beruflichen Leben noch nie das Gefühl, so gebraucht zu werden wie heute." In ihre medizinischen Perücken- und Maskenbildnerstudios kommen keine Kunden, es sind Patienten mit krankheitsbedingtem Haarausfall, die sie über viele Monate betreut. Dabei ist es nicht nur die Perücke, auch das Make-up muss stimmen. "Ich widme mich den Betroffenen mit ganzem Wissen und in jeder Phase ihres Krankseins, so wie ich es auch für mich wünschen würde. Der Verlust der Haare verursacht keinen Schmerz, er trifft uns tief in der Seele. Darum bin ich auch Kummerkasten, das macht mein Tun so einzigartig."

"Meine Perücke" im rbb

Anfang Juni 2010 hatte ich zu meiner großen Freude ein Team des Fernsehsenders RBB zu Gast, die einen kleinen Bericht über meine Arbeit gedreht haben. Den beiden Patientinnen, ohne deren Mitarbeit der Beitrag nicht möglich gewesen wäre zolle ich Bewunderung und danke ihnen sehr. Der RBB hat damit ein Thema aufgegriffen, dass in der Öffentlichkeit gern tabuisiert wird. Meinen Grundsätzen folgend wurde dabei auf jede Sensationshascherei, wie bei vielen Boulevardmedien üblich, verzichtet.

Am Dienstag, den 29.Juni 2010, im Vorabendprogramm der Sendung Zipp, war die Ausstrahlung.
Unter www.rbb-online.de im Archiv der Internetseite findet sich die Nennung.
Patienten und Besucher können den Beitrag auch weiterhin im Studio ansehen.

Antje Birke starb am 15.12.10 im Alter von nur 46 Jahren. Sie wollte auch mit diesem Filmbeitrag weiter in Erinnerung bleiben. Mein tiefes Beileid gilt der Familie.

Der Potsdamer Woche 17 - Mittwoch, 28.April 2010

(im Original nachzulesen auf der Internetseite der Zeitung www.preussenspiegel-online.de unter Archiv 17.KW 10)     

Angst vor der Krankheit
Annette Kuhn berät Krebskranke bei Haarausfall

Potsdam (man)
Haarausfall und Ängste plagen Rita Miose (Name geändert). Die 50-jährige ist an Krebs erkrankt, denkt an die Chemotherapie. Wenn sie in den Spiegel blickt fühlt sie sich unwohl. Annette Kuhn versucht zu helfen. Die Maskenbildnerin erklärt Erkrankten in der Brandenburgischen Krebsgesellschaft, wie sie die richtige Perücke finden, gibt Schminktipps und will aufheitern. "Ich möchte das Wohlbefinden der Frauen steigern, Ihnen einfach eine schöne Zeit bereiten. Manchmal haben die Frauen vor dem Haarausfall genauso viel Angst wie vor der Chemotherapie", weiß Kuhn.
Seit 2001 widmet sie sich Menschen mit Krebs. Sie will zeigen, "wie kostbar Momente sein können." Wichtig sei es, einfühlsam zu sein und gut zu hören zu können. Wenn sie Postkarten von der Kur erhalte und ein Lächeln, sei das ein schöner Dank. "Vor Jahren hätte ich das menschlich nicht hinbekommen, ich denke dass man dafür reifer sein muss", verrät die Diplom Maskenbildnerin. Sie packt ihren Schminkkoffer aus, redet über Haarfarben, Eyeliner, die Frauen hören gespannt zu. Der erste Schminkkurs für Krebskranke findet in den Räumen der deutschen Krebshilfe statt. Kuhn will kein Leid von Patienten erzählen, verweist auf die Schweigepflicht. Wichtig ist ihr, dass die Frauen ihr Leid für ein bis zwei Stunden vergessen können.

Mutmacher Jetzt und Hier - Menschen, die in Berlin und Brandenburg bewegen

Berliner Zeitung vom 20.11.2009

"Mut bedeutet für mich, sich über den Wert des jedes einzelnen Momentes bewusst zu sein." A. Kuhn

Eine Frisur fürs Leben
Früher hat Annette Kuhn DEFA-Schauspieler geschminkt – heute schenkt sie mit Perücken Kranken neuen Mut   von Gudrun Ott

Annette Kuhn hat ihr Handwerk von der Pike auf gelernt. Sie besitzt einen Facharbeiter als Damen- und Herrenfriseurin, absolvierte erfolgreich die Hochschule für Bildende Künste in Dresden, arbeitete als Diplom-Maskenbildnerin und Designerin; zunächst für die DEFA, später auch für Fernsehen und Theater.
In der DDR war Annette Kuhn die jüngste Maskenbildnerin; nach der Wende profitierten Prominente wie Franziska Troegner, Ursula Karusseit, Götz George und Otto Sander von ihrer Kunstfertigkeit. Mit Teams von Fernsehserien durchs Land zu reisen stellte sie aber auf Dauer nicht zufrieden: Annette Kuhn wollte etwas Eigenes, und das nicht nur, um mehr Zeit für ihre Familie zu haben.
Im Juni diesen Jahres hat sie den Schritt gewagt und in ihrem Wohnhaus das Zweithaarstudio „Meine Perücke“ eröffnet. Verträge mit den Krankenkassen bilden eine wichtige Grundlage. Denn gute Perücken, denen man das Zweithaar auch auf den zweiten Blick nicht ansieht, liegen im oberen Preisbereich: Zwischen 125 und 1800 Euro kostet ein Exemplar, das höchstens 75 Gramm wiegen sollte. „Die Menschen, die zu mir kommen sind in der Regel verdammt junge Frauen“, erzählt die 45-Jährige. Und dass jedes Schicksal sie persönlich berührt.
Annette Kuhn hat es fast immer mit Menschen in extremen Situationen zu tun. Ihnen fallen  die Haare aus, krankheitsbedingt. Sei es durch die Chemotherapie nach einer Krebsdiagnose oder durch die Erkrankung Alopecia areata, die mit kreisrundem Haarausfall beginnt. Deutschlandweit ist einer von 10 000 Menschen davon betroffen. Neben Echthaar bekommen sie bei der lizensierten Händlerin das Beste, was es derzeit auf dem Weltmarkt gibt, sozusagen den Ferrari unter den Perücken: Das in Japan erfundene „Cyberhair“ besteht aus atmungsaktiven Kunstfasern, die Wasser aufnehmen können und so auch nass noch natürlich aussehen. Nach dem Trocken fällt das patentierte Kunsthaar in eine vorgeformte Frisur zurück.
Nach den Wünschen ihrer Kunden arbeitet Kuhn ein Frisurengedächtnis in den Perückenrohling ein, das ein Leben lang hält. Eine ganze Woche braucht sie für eine maßgefertigte Perücke, bei der man zwischen rund 60 Farbnuancen auswählen kann. Ihr Lieferkreis ist weit gefasst: Das südliche Land Brandenburg gehört ebenso dazu wie die nur wenige Kilometer entferne Hauptstadt. Wem die Kraft für den Weg nach Ludwigsfelde fehlt, den besucht sie zu Hause.
Neben den Perücken knüpft die Friseurin den Patienten auch künstliche Wimpern und gibt Kosmetik- und Schminkseminare – eine Arbeit, die viel psychologisches Einfühlungsvermögen verlangt. Wer bei Annette Kuhn klingelt, kommt immer auch zu einer Freundin. „Ich verstehe mich als Mutmacher und bin mit meiner Arbeit zufrieden wie noch nie zuvor in meinem Leben“, sagt sie. Dass sie damit etwas weniger Geld verdient als in ihrem alten Job, ist der Brandenburgerin nicht so wichtig. Das Ergebnis zählt.
Geheult vor Glück habe eine ihrer Patientinnen als sie auf einem Kreuzfahrtschiff die Haare im Wind flattern ließ, ohne fürchten zu müssen, dass ihr die Perücke vom Kopf fliegt, erzählt Kuhn.
„Das Filmemachen war eine tolle Zeit. Aber jetzt habe ich mich auf eine seelische Gratwanderung begeben, die mich erfüllt.“

Schwimmperücke und Frisurengedächtnis

Diplomierte Maskenbildnerin eröffnet eigenes Zweithaarstudio
von Gudrun Ott, MAZ 1.10.2009

Die Frauen, die zu ihr kommen, sind in der Regel jung, verdammt jung, erzählt Annette Kuhn, und dass jedes Schicksal sie berührt. Annette Kuhn hat es fast immer mit Menschen in extremen Situationen zu tun. Ihnen fallen die Haare aus, krankheitsbedingt. Sei es durch Chemotherapie oder durch die Erkrankung an Alopecia Areata, die mit kreisrundem Haarausfall beginnt und von der immerhin einer von 10.000 Menschen betroffen ist. Annette Kuhn ist lizensierte Händlerin fürs Zweithaar und dank ihres umfassenden hohen handwerklichen Könnens wird sie auch besonderen Erwartungen gerecht.

Darüber hinaus bekommt man das Beste, was es auf der Welt gibt, sozusagen den Ferrari unter den Perücken. Cyberhair ist patentiertes Kunsthaar, das an Modernität und Fortschrittlichkeit kaum zu überbieten ist. Sicherer Sitz und atmungsaktives Material lassen sportliche Aktivitäten zu. Eine solche Perücke sieht selbst in nassem Zustand noch wie natürliches Haar aus, da die Faser Wasser aufnehmen kann. Es fällt nach dem Trocknen in die vorgeformte Frisur zurück.

Handwerkliche Perfektion
Annette Kuhn arbeitet nach den Wünschen ihrer Kunden in die Perücke, die als Rohling geliefert wird, ein Frisurengedächtnis ein, das quasi ein Leben lang hält. Um Menschen mit Perücken auszustatten, die ihrer Persönlichkeit entsprechen, bedarf es handwerklicher Perfektion und psychologischen Einfühlungsvermögens. Der 45-jährigen diplomierten Maskenbildnerin ist auf zurückhaltende Weise beides eigen. Wer bei ihr klingelt, kommt zu einer Freundin. Sie vermittelt mit ihrem fröhlichen Wesen Zuversicht. Wem die Kraft für den Weg nach Ludwigsfelde in den Robert-Uhrig-Ring fehlt, den besucht sie auch zu Hause. Sie knüpft künstliche Wimpern, gibt Schminkseminare.

Annette Kuhn hat ihr Handwerk von der Pike auf gelernt. Sie besitzt den Facharbeiterbrief als Damen- und Herrenfriseur, absolvierte erfolgreich die Hochschule für Bildende Künste in Dresden und arbeitete als Maskenbildnerin und Designerin zunächst für die Defa, später auch fürs Fernsehen und fürs Theater. Von ihrer Kunstfertigkeit profitierten so Prominente wie Franziska Troegner, Ursula Karusseit, Götz George und Otto Sander. Mit großem Herzen stellt sie ihr Können in den Dienst der Kunden, ob die nun als Patienten, von der Krankenkasse unterstützt, vor ihr auf dem Stuhl sitzen, oder als Modefan sich einfach eine Abwechslung wünschen.

Maskenbildnerin nicht nur für Kino und TV ...

... sondern auch behilflich bei der Festnahme von Sexualstraftätern im realen Leben. Die ARD berichtete in einem Beitrag  darüber. Ich bin stolz bereits 1981, mit gerade mal 17 Jahren als Praktikantin mit solchen, für die Bevölkerung wichtigen Aufgaben betraut worden zu sein. ( ab der 14. Minute)  http://www.youtube.com/watch?v=6UMEx4gsGoY Nur nebenbei, ich war und bin bis heute in keiner Partei. Mir war aber auch bis zu diesem Beitrag nicht klar, dass es davon Bildmaterial gab.